Ein Adler flog über die Mauer

Geboren bin ich 1976 in der DDR – um genau zu sein in Thüringen. Zum Mauerfall war ich also zarte 13 Jahre alt.
Meinen ersten Kontakt zur Eintracht hatte ich jedoch schon zu DDR-Zeiten, denn die „Westverwandtschaft“ kam aus Osthessen und hat mir grenzüberschreitend den Adler implantiert.
Richtig infiziert wurde ich erst nach der Wende, als die Möglichkeit für mich bestand, auch ohne Ausreiseantrag ein Spiel der Eintracht zu sehen.
Es war im Winter 1990 – mittlerweile umgezogen nach Meckbach, eine 600-Seelen-Gemeinde in Osthessen, in die Nähe der Verwandtschaft. Mit dem damaligen Nachbarn Orla – ein Däne, der in Hersfeld für die US Army tätig war, ging es zum ersten Spiel. Es war der 24. Februar und im Waldstadion spielte die Eintracht gegen den VfB Stuttgart. Die Aufregung für mich fing schon auf der Hinfahrt an, denn Orla fuhr gern schnell. Und sein Fiat Croma mit 200 (?) PS ermöglichte Geschwindigkeiten jenseits der 200 Km/h. Das war für mich schon ein ziemlicher Schock, denn bis Ende 1989 war für mich bei 100 Km/h Schluss, mit dem Trabi – bergab mit Rückenwind.
Orla hat lange in Frankfurt gelebt, trug den Adler im Herzen und kannte sich aus. Er war der perfekte Wegbereiter für meine Liebe zur SGE. Mein Dad war auch mit dabei. Ihm wird es wohl ähnlich gegangen sein wie mir. Jedenfalls ist er bis heute der Eintracht treu.
Natürlich habe ich an dem Tag auch ein ziemlich geiles erstes Spiel erwischt. Denn die Stuttgarter wurden an diesem Tag mit 5:1 vom Platz gefegt. Jörn Andersen und Dieter Eckstein trafen doppelt und ich konnte erstmals die Genialität von Uwe Bein aus nächster Nähe bewundern. Eine absolut geile Truppe, die wir Anfang der 90iger hatten. Später kamen ja noch Leute wie Yeboah, Gaudino, Okocha mit dazu.
Regelmäßig zu den Spielen ging es noch nicht. Die Kohle war knapp und es sollten vorerst nur seltene und besondere Momente sein, in denen wir ins Stadion fuhren.
Erst mit 16 wurden die Besuche regelmäßiger, weil ich über Kumpels Anschluss an eine Gruppe gefunden habe, die oft im Stadion war. Die Mückenstürmer rund um meinen Fußballkumpel Mike nahmen mich öfter mit und so kam ich dann auch zu den ersten Auswärtsfahrten und immer häufiger auch ins Waldstadion. Gut erinnern kann ich mich beispielsweise an ein UEFA-Cup Viertelfinale gegen Juventus Turin. Die Eintracht hat damals jedes Jahr international gespielt und 1995 kam es dann zum Spiel gegen Turin. Die Italiener hatten seinerzeit mit Del Piero, Ravanelli, Paulo Sousa, Vialli, Deschamp u.s.w. eine Wahnsinnstruppe zusammen und waren haushoher Favorit. Aber wir haben richtig stark gespielt und ein 1:1 geholt. Den Ausgleich schoss Jan Furtok in der Schlussviertelstunde und das Waldstadion ist richtig eskaliert. Die Stimmung an dem Abend war einfach unvergesslich, was auch an den bestimmt 15.000 Juve-Fans lag, die mächtig Spektakel machten. Im Rückspiel waren wir chancenlos und schieden aus – aber den Abend des Hinspiels werde ich nie vergessen.
In den Jahren nach dem Abi habe ich die Eintracht ein wenig vernachlässigt. Ich hab zwar immer alle Spiele verfolgt, war aber kaum noch im Stadion. Ausbildung ging vor – okay, stimmt nicht….die Mädels waren wichtig! 😊 Aber auch die Ausbildung. Von Wuppertal aus konntr ich zwar das ein oder andere Auswärtsspiel im Ruhrpott besuchen – aber das war viel zu wenig…
Mit der Eintracht ging es in dieser Zeit auch ziemlich bergab, ein Trauerspiel was Jupp Heynckes aus der Mannschaft gemacht hat und wie der Vorstand damals den Fiat Croma mit Vollgas an die Wand gefahren hat.
Abstieg, Aufstieg und wieder Abstieg. Eine Fahrstuhlmannschaft war meine Eintracht geworden – die schöne SGE, die gegen Turins Weltauswahl 1:1 gespielt hat.
Zeitsprung: 2006 direkt nach dem Sommermärchen ging es wieder richtig los. Meine Schwester zerrte mich damals ins neue Waldstadion, erstes Heimspiel. Gegen Wolfsburg. Das war irgendwie genau das Gegenteil von Juve. Aber egal, die neue Nordwestkurve fühlte sich gut an und mittlerweile schmeckte mir auch der Apfelwein richtig gut. Erleichternd hinzu kam, dass ich wieder nach Meckbach gezogen bin und mittlerweile verheiratet und Vater eines Sohnes war, der 2005 das Licht der Welt erblickte und dem ich gleich mal 5 Eintracht-Schals ins Zimmer gehangen hab. Sicher ist sicher.
Europacup war in dem Jahr auch. Diesmal nach langer Zeit endlich mal wieder, weil wir im DFB-Pokalfinale waren. Zwar verloren gegen die Orks aus dem Süden, aber dennoch qualifiziert. Damals ging das noch. Früher war alles besser!
Als ich dann noch erfuhr, dass mein neuer Nachbar in Meckbach einen Eintrachtfanclub (EFC Adlerhorst Waldhessen) gegründet hat, wurde ich gleich „verhaftet“ und war dank Jahn seit Ende 2006 dort Mitglied. In den Folgejahren ging es gut organisiert mit dem EFC und nem großen Bus immer öfter durch die halbe Republik. Das war eine klasse Zeit!
Auswärtsspiele sind eine echte Leidenschaft geworden, es ist einfach anders. In unserem vorerst letzten Zweitligajahr haben wir (bis auf St. Pauli) jedes Auswärtsspiel besucht. Wir waren in Orten, die es gar nicht gibt (Bielefeld) und in Ingolstadt, als die noch lange kein Erstligist waren. Die Osttour nach Aue, Dresden oder an die Alte Försterei waren natürlich für mich „Ossi“ ein besonderes Highlight, zumal mittlerweile auch einige Thüringer in den Adlerhorst eingetreten sind, die Integration war ein Selbstläufer.
Die Aufstiege wurden gefeiert und auch der Einzug in den Europacup 2014. Auch wenn der mittlerweile Euroleague heißt. Und wir fuhren mit dem Bus nach Bordeaux und flogen mit dem Flieger nach Porto. Und wir feierten gemeinsam unsere SGE. Orla hat das alles nicht mehr erlebt, er ist viel zu früh gestorben. Fiat Croma bin ich seither auch nie wieder gefahren, über 200 Km/h nur in Ausnahmefällen.
Aber dafür waren meine Jungs vom Adlerhorst an meiner Seite.
Achja, der Adlerhorst Waldhessen – ein wirklich bemerkenswerter EFC, dem ich mittlerweile seit sechs Jahren vorstehe. Ich verehre diese Truppe einfach. Weil wir aktiv sind, zusammenhalten und uns einfach gut verstehen!
Verbunden hat uns die Liebe zur Eintracht, die Liebe zu einem der aufregendsten Vereine der Welt.
NUR DIE SGE
Tino
 
 

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