Eintracht Frankfurt ist nur die schönste Nebensache der Welt – oder ist es doch noch mehr?

Eintracht Frankfurt ist nur die schönste Nebensache der Welt – oder ist es doch noch mehr?

 

Ich hole etwas weiter aus und fange mal ganz von vorne an. Ich erblickte 1974 das Licht der Welt. Ich wuchs als kleiner Bub in einer kleinen Stadt in Waldhessen auf. Wo Waldhessen liegt, das seht ihr hier auf der Karte. Meine Eltern betrieben in der dritten Generation eine Fleischerei. Sie arbeiteten sehr hart für ihr Geld. Jedes Wochenende waren wir mit unserem Bratwurststand auf irgendeiner anderen Kirmes. Da hieß es bald rund um die Uhr arbeiten. Tagsüber die Fleischerei betreiben und abends ging es zum Festplatz. Es wurde dann auch schon mal 2 – 4 Uhr bis man das Bett wieder zu Gesicht bekam. Und morgens um 6 Uhr fing der Arbeitsalltag wieder an. Fußball gab es bei uns nicht, dafür hatten meine Eltern keine Zeit und auch kein Interesse. Meine Eltern hatten sowieso kaum Zeit für mich, da sie ständig am Arbeiten waren.

Mein Onkel wohnte circa 250 Km entfernt. Er war Fußballfan; er war Eintrachtfan. Ich sah meinen Onkel nur 2-3-mal im Jahr. Aber wenn ich ihn sah, war das immer das Größte für mich. Er nahm sich immer Zeit für mich. Er hatte immer einen Fußball dabei und wir spielten zusammen immer Fußball. Das eine oder andere Eintrachtspiel verfolgten wir im Fernsehen, wenn es gerade mal passte und er schenkte mir auch das eine oder andere Eintracht-Shirt. Wir fuhren immer zusammen auf den Bolzplatz hinter dem Sportplatz, um dort Fußball zu spielen. Das war immer das Größte für mich, Fußballsspielen und den schönen Geschichten lauschen, die mein Onkel über die Eintracht erzählte. Er hat immer und ständig über die Eintracht geredet.

In den Schulferien machte ich immer Urlaub bei meinem Onkel. Mein Onkel war es dann auch, der mich zu meinem ersten Eintrachtspiel mitnahm. Ich war 11 Jahre alt. Es war in Köln. Ich konnte schon Tage vorher nicht schlafen. Jede Nacht lag ich da und mir schossen die Gedanken nur so durch den Kopf. Wird Gundelach besser drauf sein als Toni Schumacher? Wird Köln unsere Eintracht bezwingen? Wie ist die Stimmung? Köln fand ich damals richtig gut. Toni Schumacher, Klaus Allofs, Paul Steiner und Piere Littbarski waren bei Köln in der Mannschaft. Aber die Eintracht hatte ja auch gute Spieler in ihren Reihen: Charly Körbel, Thomas Berthold, Ralf Sievers, und im Tor stand Gundelach.

Dann kam der große Tag. Wir fuhren nach Köln ins Stadion. Das war alles noch viel größer als ich es mir vorgestellt habe. Wenn ich heute bedenke, dass es gerade mal 16.000 Zuschauer waren, dann muss ich schon lachen. Jedenfalls habe ich von dem Spiel nicht allzu viel mitbekommen, weil ich mehr damit beschäftigt war, mir die Menschen anzuschauen: Wie sie mitfieberten, wie in den Gesichtern das Entsetzen stand, wenn Müller oder Krämer mal wieder am Tor vorbei schossen oder wenn Steiner vor dem Eintrachttor auftauchte, obwohl er Abwehrspieler war.

Ich war auch sehr beeindruckt davon, wie eine bis zwei Personen versuchten, die Stimmung mit Fangesängen einzuheizen. Ich lauschte den Texten – schließlich war ich gerade erst 11 Jahre alt und zuvor noch nie im Stadion gewesen. Dieses Gefühl, diese Stimmung, war es, die mich zum glücklichsten Jungen in ganz Deutschland machte. Noch sehr lange danach träumte ich von dem Erlebten.

Mit 15 fing ich dann meine Ausbildung an. Klar machte ich die Fleischerlehre, was sonst? Für Hobbys war kaum noch Zeit. Ich arbeitete in meiner Lehre schon von morgens 6:00 Uhr bis abends 18:30 Uhr und am Wochenende auch auf der Kirmes oder in der Disco. In der Disco grillte und verkaufte ich Bratwürsten. Was sonst? Aber ich spielte trotzdem noch Fußball, von der F-Jugend bis zur A-Jugend, wenn es irgendwie ging. Auf dem Sportplatz fühlte ich mich wohl, da war ich unter Gleichgesinnten. Dort ging es immer um das Thema Fußball. Wie hat wer gespielt? Welche Schiedsrichterentscheidung war diesmal falsch usw.

Ich war ab uns zu mal im Waldstadion, aber das hatte eher Seltenheitswert. Aber jedes Spiel wurde im Radio verfolgt. Damals konnte man noch HR1 hören, heute geht ja das auch schon nicht mehr. Oder findet ihr die Berichte gut? Als Jugendlicher träumte ich immer davon, eines Tages für die Eintracht zu arbeiten oder Anführer eines Vereins zu sein, der die Eintracht unterstützt.

1992 kam das härteste Jahr, das ich bis jetzt erfahren musste. Viele von euch denken jetzt an Rostock. An das beschissene 1:2. Klar war das für mich auch bescheiden, aber ich hatte privat ein hartes Jahr zu bestehen. Auf die Saison 1991/1992 möchte ich nicht näher eingehen, diese Saison kennen viele von euch.
Es fing am 9. Januar 1992 an, drei Tage nach meinen 18. Geburtstag verstarb mein Opa. Wenn die Eltern wenig Zeit haben, ist man mehr bei seinen Großeltern und mein Opa war alles für mich. Da brach eine Welt für mich zusammen. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Im gleichen Jahr verstarb mein Vater im Alter von 39 Jahren. Meine Mutter war 36 Jahre alt, ich war 18 und meine Schwester 15 Jahre alt. Da brach natürlich eine Welt zusammen. Meine Mutter verlor ihren Vater und ihren Ehemann in einem Jahr.

 Wie sollte ich als 18-jähriger einen Betrieb übernehmen? Einen Betrieb, in dem drei Generationen geschuftet haben bis zum Umfallen. Und das meine ich wörtlich. Alle drei Generationen vor mir sind mit 39 gestorben und ihre Söhne haben mit 18 den Betrieb weitergeführt. Nun war ich 18 und mein Vater war verstorben. Ich habe den Betrieb nicht übernommen, wir haben den Betrieb verkauft und einen Schlussstrich darunter gezogen.

 Ich ging dann für acht Jahre zur Bundeswehr. Vier Jahre davon war ich in Nordhessen stationiert. In dieser Zeit konnte ich oft ins Waldstadion fahren, um unsere Eintracht zu sehen. Ich erlebte alle schönen Höhepunkte in den 90er Jahren mit. Ich sah einen Uwe Bein, Yeboah und Okocha spielen; ich fieberte mit bei den Spielen gegen Neapel, Juve und Co. Aber auch das Negative erlebte ich. Den Abstieg konnte ich trotz meiner Begeisterung, meiner Liebe zur Eintracht, nicht verhindern.

 1997 zog ich dann in den Schwarzwald, weil ich dort weitere vier Jahre meinem Vaterland diente. Ich fuhr zu manchem Spiel der Eintracht vom Schwarzwald nach Frankfurt. Zwar zweite Liga und immer alleine, aber das war mir egal. Ich wollte das „Feeling“ im Stadion erleben.

 1998 wollte ich unbedingt nach Stuttgart zum Spiel gegen die Kickers. Ich hatte schon so eine Vorahnung, dass dies ein interessantes Spiel werden könnte. Das Spiel gegen die Stuttgarter Kickers verfolgte ich dann nur im Radio in der Kaserne, da ich leider kurzfristig Dienst hatte. Aber diese Spannung, die in der Schlussphase herrschte, war unbeschreiblich. In der 84. Minute glichen die Kickers zum 1:1 aus, in der 86 Minute gingen sie sogar in Führung. In der 89. Minute glich Ansgar Brinkmann per Elfmeter zum 2:2 aus und in der 90. Minute erlöste mich Westerthaler und schoss das 2:3 für die Eintracht.

Das Jahr 1998 war mit eines der schönsten Eintrachtjahre, die ich erleben durfte. Wir sind aufgestiegen und ich war im letzten Heimspiel gegen Fortuna Köln mit dem Zug angereist. War das eine geile Feier im/am Waldstadion. Die Rodgau Monotones spielten live am Waldstadion und Alex Schur war der Partykönig schlecht hin. Ich feierte die ganze Nacht in FFM durch. Ich war zwar alleine nach FFM gereist, aber ganz FFM lag sich in den Armen. Am nächsten Tag war ich – wie sollte es anders sein? – auch auf dem Römer, um meine Eintracht zu sehen. Gegen 20:00 Uhr stieg ich dann in den Zug ein und fuhr glücklich Richtung Freudenstadt.

1999 war ich im ehemaligen Jugoslawien im Einsatz. Das legendäre 5:1 im Waldstadion gegen Kaiserslautern war mein einziger freier Tag währende des Aufenthaltes dort. Gott sei Dank hatten wir Premiere im Feldlager.

 2001/2002 machte ich meinen Fleischermeister und Betriebswirt in Frankfurt. Am Wochenende blieb ich meistens in FFM, um zu lernen. Meisterkurs und Prüfung innerhalb von 3 Monaten ist nicht ganz so einfach. Aber Alt-Sachs war ja ganze 10 Minuten Fußweg entfernt und das Waldstadion liegt auch in derselben Straße. Da konnte man sich ja mal ablenken.

 Vom Schwarzwald zog ich dann nach NRW, der Arbeit wegen. Ich konnte dann aber vermehrt unsere Eintracht sehen, denn in NRW spielen ja mehrere große Vereine wie Ahlen, Oberhausen, Duisburg und unsere Eintracht spielte schon wieder im Unterhaus der Liga. Das 6:3 gegen Reutlingen feierte ich alleine in Bochum, inmitten von Mainz- und Bochumfans. Das Jahr darauf hatte ich keine Zeit, irgendein Spiel live zu sehen, aber ich verfolgte die Eintracht im Radio oder in der Presse. 2004 machte ich mich selbständig und 2005 hielt ich es nicht mehr länger aus: Ich wollte zurück in mein geliebtes Waldhessen und so zog ich wieder zurück ins Hessenland.

 Was soll ich sagen? Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Das Menschliche, das Private, das Eintrachtliche, das habe ich vermisst. Ich habe heute wieder sehr viele Bekannte und Freunde, mit denen ich mich über die schönste Nebensache der Welt unterhalten kann. Ich bin wieder da, wo ich hingehöre. Im schönsten Bundesland, das wir in der BRD haben. Im Hessenland. Ich habe mit 32 wieder angefangen, Fußball zu spielen und bin umgeben von vielen „positiv bekloppten Eintrachtfans“. Ich träume nachts von der Eintracht. Ich kann teilweise Nachts nicht schlafen.

2006 habe ich einen EFC mit ins Leben gerufen, der mittlerweile knapp 120 Mitglieder zählt. Es macht mich tierisch glücklich, wenn ich in den Bus einsteige und Menschen treffe, die genauso sind wie ich. Ich bin sehr dankbar, dass ich alle diese Menschen treffen durfte bzw. treffen darf, die das Gleiche empfinden, und dass ich gute Gespräche führen und Siege der SGE feiern darf.

Ich war in Hamburg in der Bembelbar, in Bordeaux, in Berlin beim Finale und fast in jedem anderen Stadion in Deutschland. Dort traf ich neue Menschen, die auch so bekloppt sind wie ich und ich bin sehr froh, dass ich dies alles erleben darf. So etwas ist nicht selbstverständlich.

 Wenn ich in der Westkurve stehe, meinen Schal bei „Im Herzen von Europa“ in den Himmel strecke und Gänsehaut bekomme, wenn wir uns einhaken und zu Pippi Langstrumpf im Takt hüpfen, wenn Maddin die Kurve zum Kochen bringt und sich bei mir dieses Adrenalin freisetzt, wenn ich vor Aufregung nachts im Bett liege und nur an die Eintracht denken kann, wenn ich täglich im Forum schaue, was mit meiner Eintracht los ist, wenn ich alte Tore/Spiele sehe oder auch Beiträge von KidKlappergass, lt.commander und Co. lese und mir danach die Freudentränen über die Wange kullern, wenn ich bei der Choreo gegen Bielefeld eine blaue Pappe halte und vor Freude heule, wenn mich wildfremde Menschen umarmen, wenn mich seit über 35 Jahren Jahren diese Eintracht begleitet – ich weiß nicht wie Sie denken liebe Leser, ob das dann NUR die schönste Nebensache der Welt ist.

Nun ist der Beitrag etwas länger geworden als ich dachte, aber die Beziehung zur Eintracht ist auch etwas anderes geworden als ich bei meinem ersten Stadionbesuch gedacht hatte.

Einmal Adler – immer Adler! Lg Jahn Böhm

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